73 up – Premiere für ein besonderes Spielautomaten und Konsolenfestival

8-Bit goes Schanze

Selbst der technikfeindlichste Zeitgenosse muss zugeben, dass Videospieler heutzutage nicht mehr die lichtscheuen Soziopathen sind, zu denen sie früher in den Medien gern stilisiert wurden. Das wird sich auch das „Haus 73“ im Hamburger Schanzenviertel gedacht haben, als sie gemeinsam mit den Initiatoren das „Spielautomaten & Konsolenfestival“ ins Leben gerufen haben. Vom 7. bis zum 9. August 2009 bot das bekannte Veranstaltungszentrum im Herzen Hamburgs die Möglichkeit zum täglichen Zocken und Staunen, was unsere geliebten Spielkonsolen alles so drauf und unter der Haube haben. Eingebettet wurden die drei Tage in ein mediales Rahmenprogramm, das es in sich hatte. Das „Haus 73“ ist in der Hansestadt schon lang für ein abwechslungsreiches und qualitativ hochwertiges Kulturprogramm bekannt, das es sich zum Ziel gesetzt hat, verschiedene Subkulturen zu verschmelzen. Neben der obligatorischen Clubkultur widmet sich das Haus auch Jam-Sessions, Kickerturnieren, Theater oder einem Tatort-Club.

Diesmal waren es eben Videospiele, die den Austausch der Kulturen gefördert haben, indem der Event verschiedenste Besucher auf das Schulterblatt 73 lockte. Und so hieß es am Freitag ab 20 Uhr: Der Eintritt ist frei!

Bleeps, Clicks und Clongs für jeden

Im Saal des ersten Stocks luden Videospiele- und Konsolen verschiedener Epochen zum Live-Spielen ein. Ein schöner Mix von Geräten, der vom Atari 2600 Junior, über die PlayStation 2 einen zeitlichen Bogen bis zu Nintendos Wii spannte. Natürlich spielt sich „Mario Kart“ für die Wii mit dem kabellosen Wii Wheel auf einer Riesenleinwand besser, als zu Hause allein auf einem 22-Zoll-TFT.

Nintendos Wii, Touchscreens oder aktuellen Mobile-Games auf Apples iPhone und Co. haben wir es zu verdanken, dass sich Videospiele aus der düsteren Nische der Nerd-Gesellschaft befreien konnten und heute in der Gesellschaft omnipräsent sind. Sogar auf den konservativen nationalen TV-Sendern sind mittlerweile Werbespots für Videospiele zu sehen.

Und so klemmten sich Hamburgs Kids und Kidgebliebe hinter die Controller von N64, PSone oder versuchten sich an einem echten Flipper von „Williams“. Letztere wurden von den Besuchern wohl am ehesten der Kategorie „historisch“ zugeordnet. Alle anderen Systeme dürften wohl die meisten noch persönlich gekannt haben.

Retrosounds und Gameboy Rave

Wie man mit einem Classic Gameboy einen Club zum Kochen bringt, zeigten am Freitag ab 22 Uhr verschiedene Elektro-Bands. The Haina, DJ und einer der Organisatoren des Festivals, hat es durchaus ernst gemeint, den klanglichen Rahmen des Abends den verspielten Retrokonsolen im oberen Stock anzugleichen. Dank der stimmigen Auswahl der Künstler, gab es wummernde Elektrosounds vom Feinsten. Stimmungsvoll untermalt durch passende Videoprojektionen (Film „Tron“, sowie eigens arrangierte Marioworld-Adaptionen) fiepte und klirrte es, bis der Laden brummte.

Den Anfang des Abends eröffnete The Haina persönlich mit einem passenden Elektro-Set. Die Filmsequenzen von Steven Lisbergers Computerfilmlegende Tron boten die perfekte Hintergrundoptik für die satten Beats des Hamburger Multitalents.

Video: The Haina Live@73 up (Download)

Gegen Mitternacht betrat der zweite Act die Bühne. Mit zwei Gameboys (Classic von 1989 und Color von 1998) bewaffnet, feuerte Martin Moritz, unterstützt durch Miss Hawaii, eine 8-Bit Salve nach der nächsten ins verzückte Publikum. Was da aus den Nintendo-Handhelds und dem Voicevocoder kam, klang als würden Mario, Bowser und Princess Peach eine Elektroparty in einer unterirdischen Höhle in Marioland abfeiern. Geradezu fantastisch wie nah der Act an das gemalte Bild eines 8-Bit Sounds kommt, so wie er wohl in einem lebenden Videospiel durch die synthetischen Charaktere produziert würde. Ein musikalisches und optisches Highlight! Mehr „Retrolektro“ geht nicht.

Video: Martin Moritz Live@73 up (Download)

Politisch elektronisch

Aus Zeitgründen konnte ich die weiteren Bands The Huitbeat Dance Collective und Whiz Kid nicht mehr vollständig erleben. Ich hatte aber noch Zeit die bewegten Videoprojektionen zu sehen, die während der Auftritte gezeigt wurden. So tummelten sich Nordkoreas Kim Yong-il als „Super Kim“ mit Irans Mahmud Ahmadi-Nezad in Nintendos Fantasiewelten, um sich gemeinsam als Atommacht zu verbünden. Aber auch die deutsche Politik (Merkel, Müntefering und Beck) war mit dabei. Popkultur im Retrostil mit Hirn.

Links zu den Elektro-Acts:

www.myspace.com/thehaina
www.myspace.com/martinmoritz
www.myspace.com/missyhawaii
www.myspace.com/huitbeatdancecollective
www.myspace.com/whizkiddj

(Gastautor: André Eymann, www.videospielgeschichten.de; Teil 2 folgt morgen)