Retro Elektronic Music – Live!
Gestern Abend war es so weit: In der Berliner Max-Schmeling-Halle trat der Electronic-Music-Pionier Jean-Michel Jarre auf. Jarre hatte der elektronischen Musik Ende der 70er Jahre zu bis dahin ungekannter Popularität verholfen. War ausschließlich mit Synthesizern, Drum-Computern und Samplern erstellte Musik bis dahin vor allem einem „Fachpublikum“ bekannt (das entweder in der Tradition der Musique Conrète oder des Krautrock stand), so zog Jarre mit seinen überaus eingängigen Melodien die Hörer von Pop-Musik an und erreichte damit eine Wirkung, die zeitgleich nur die Band „Kraftwerk“ für sich verbuchen konnte.
Jarres Aufstieg dauerte bis Ende der 1980er Jahre und drückte sich in immer größeren Konzerten mit stetig wachsender Publikumszahl und gigantischen „Bühnen“-Shows aus. Von Bühne konnte man angesichts solcher Performances wie der in Houston (1986) oder Paris (1990), bei denen er Hochhaus-Skylines als Projektionsflächen für seine Laser-Shows benutzte. Zuschauerzahlen von einer bis drei Millionen (bei seinen Konzertreisen durch China) waren keine Seltenheit und trugen Jarre Einträge in Guiness-Buch der Rekorde ein. Seine neue Tournee findet in wesentlich kleinerem Umfang und erstmals „indoor“ statt: Jarre hat ein Konzert konzipiert, dessen Show auf geschlossene Hallen abgestimmt ist.
Das Repertoir, das Jarre gestern in der Berliner „Max-Schmeling-Halle“ spielte, setzte sich aus Stücken seiner Alben „The Concerts in China“, „Magnetic Fields“, „Oxygène“, „Equinoxe“, Rendez-vous“ und „Revolutions“ zusammen – frühere Arbeiten (wie etwa von der „Zoolook“) und im Prinzip alle jüngeren Werke ab 1990 kamen – mit Ausnahme eines Stücks vom ohnehin ziemlich „retro“ klingenden „Chronologie“-Album, das 1993 veröffentlicht wurde – nicht zu Gehör. Und auch bei den gespielten Stücken verließ Jarre sich vor allem auf die „Gassenhauer“, jene bekannten Stücke, mit den simplen und eingängigen Melodiebögen wie „Oxygène 2″ oder „Equinoxe 4″. Dass er spätestens mit seinem Album „Métamorphoses“ (2000) schon wesentlich „erwachsener“ gewirkt hatte, fiel bei diesem Konzert unter den Tisch.
Das Indoor-Konzept ließ darüber hinaus weniger die Performance und das Ambiente ins Bewusstsein rücken als die Musik – um so enttäuschender, dass Jarre außer zwei offenbar improvisierten Stücken (zu einem gab es etwas peinliche Öko-Daten auf die Leinwand projiziert – für das andere kam eine Art elektrischer singender Säge zum Einsatz) keine jüngeren Titel hören ließ. Auch die Personage beschränkte sich auf drei zusätzliche Musiker neben Jarre, die vor allem die elektronischen Instrumente bedienten. Von Chören (zu hören auf der „Rendenz-Vous“), Steel-Drums („Waiting for Coustau“) oder auch nur einem Saxophon („Fifth Rendez-Vous“) war nichts zu sehen oder allenfalls als Samples zu hören. Enzige Ausnahme bildeten einige dezente Schlagzeug-Begleitungen vom Perkussionisten.
Und auch die angeblich auf Hallen-Konzerte abgestimmte Performance hatte nichts zu bieten, was nicht seit Jahrzehnten Standard mittelgroßer Live-Acts ist: Eine Leinwand-Rückprojektion für Filme, Clips und Vergrößerungen/Verdopplungen des Live-Geschehens auf der Bühne sowie bunte Laserstrahlen in immer gleichen Mustern und Farben. Selbst die berühmte „Laserharfe“ hatte gestern Abend keine Akzente setzen können – zu oft hat man sie schon gesehen und wenn Jarre beim „Spiel“ auf ihr dann auch noch sein Timing nicht unter Kontrolle hat, wie gestern Abend, offenbart sie ihre Falschheit obendrein und wirkt wie ein billiger Effekt.
Das bräuchte bei einem Konzert mit Retro-Elektronikmusik alles eigentlich gar nicht kritisiert werden, wenn man nicht das Gefühl haben müsste, dass mit dieser neuen Tournee vor allem eines im Zentrum des Interesses gestanden hat: Das Geldverdienen. Denn bei Kartenpreisen von bis zu 87 Euro ist das Gebotene nämlich durchaus mickrig. Fast wirkte es so, als wolle Jarre „auf Nummer sicher“ gehen und bei so wenig Aufwand wie möglich so viel Geld wie möglich verdienen. Seine zwischen den Stücken ständig wiederholten Einlassungen, wie schön es in Berlin sei, dass die Atmosphäre so toll sei und seine vielfachen Danksagungen ans Publikum bekommen vor diesem Hintergrund schon beinahe einen sarkastischen Beigeschmack.
So wundert es denn nicht, dass sich während des Konzertes der Applaus in Grenzen hielt und erst ganz am Schluss sich einige der Zuschauer von Jarres manischer Gestik dazu animieren ließen, von ihren Sitzplätzen aufzustehen. Dass während des Konzertes in der Max-Schmeling-Halle eine regelrechte Bierzelt-Atmosphäre herrschte, bei der die Zuschauer ständig herum liefen um sich zum Beispiel neues Bier zu holen und dass etliche weder das Ende des Konzertes noch die Zugaben abwarten wollten und lieber vorher schon mal den Ausgang suchten – das wäre für eine seiner 80er-Jahre-Performances unter freiem Himmel vielleicht ein erwartbares Verhalten gewesen. Für Jarres Indoor-Konzerttour könnte es jedoch ein Zeugnis sein von Desinteresse an der Show, Langeweile angesichts der alten Musik und Ausdruck dafür sich „abgezockt“ zu fühlen.
Jean-Michel Jarres Konzerttour führt ihn in Deutschland noch bis zum 14. März in sechs weitere Städte. Informationen über die Veranstaltungsdaten finden sich auf seiner Internet-Seite.
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Im Grunde fast richtig,- leider war das doch sehr alte Publikum nicht in der Lage mit dem Musiker warm zu werden.
Das lustlose Klatschen der Herrschaften gab mir das Gefühl im Musikkanten Stadl zu sein.
Wie kann man zu Oxygene oder Equinox sitzen bleiben ?
Vielleicht sollten bestimmte Gäste lieber zuhaus bleiben vor ihrer all zu teuren HIFI Anlage sitzen bleiben…
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@BerlinerBär
Ich bin 60, und habe die RockNRoll-Zeit so gerade verpasst, Anfang der 70er mal so 2 Jahre neben dem Studium als DJ gearbeitet. Jarre habe ich durch meinen jüngeren Bruder kennengelernt, aber ich wäre heute nicht in eines seiner Konzerte gegangen. Ich war mitte der 90er mal in einem Elvis-Revival-Konzert, die Originalband, mit Multimediashow. Die Original-GoGoGirls brauchten Stehhilfen…
Aber die Stimmung war super, das Publikum 10 Jahre älter als ich, und auch begeistert.
Jarre ist einfach seelenlose Synthesizermusik, was soll da bei einer Live-Performance rüberkommen?
HiFi stand übrigens mal für ‚Hohe Wiedergabetreue‘, also nicht für schön verzerrende Röhrenverstärker, wummernde Bässe, oder Klangbrei á la Bose.
chacun a sôn goût…
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Was ist denn „seelenlose Musik“? Ich glaube ja nicht, dass Musik, nur weil sie elektronisch erzeugt wird, per se einen anderen Charakter hat als andere Musik. Darüber hinaus könnte man natürlich sagen, dass die Elektronik und der sich in ihr ausdrückende künstlerische und gesellschaftliche „Code“ ja auch schon selbst eine Aussage beinhalten. An Bands wie „Kraftwerk“ oder „Tangerine Dream“ zeigt sich das ja auch.
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Ich bin absolut der Meinung des Artikelverfassers!
In München war ich 2008 und freute mich auf eine angenehme Performance. Auf Freude folgte relativ schnell Ernüchterung!
Jarre kann weder Keyboard (Synthesizer) spielen noch ist er ein Virtuose und offenbar hat er auch keine wirkliche Lust mehr Live Qualität zu liefern!
Ich denke jedoch, dass Jarre noch nie Live gespielt hat und es auch bei seinen gigantischen Megakonzerten nie getan hat. Für mich klangen viele Elemente aus seinen früheren Konzerten wie von Band abgespielt. Klar waren viele Musiker und zappelnde Leute auf seinen Megabühnen, jedoch bin ich mir sicher, dass Jarre mit diesen Leuten, die sich um ihn herum und am besten im Dunklen versammeln sollen schützt. Der Hörer, der nicht das technische Verständnis besitzt soll auf keinen Fall mitbekommen, dass er eigentlich ein lausiger Keyboarder ist.
Wenn das der Fall ist, dann frage ich mich wirklich: „Hat er seine Musik auch selbst komponiert, geschweige eingespielt?“.
Das Konzert in München war auf jeden Fall grausig und neben mir saß auch ein Mann, der von Minute zu Minute immer gelangweilter und genervter aussah und schließlich nach erneutem Hinsehen nicht mehr dort saß und scheinbar keinen Bock mehr auf das Chaos hatte.
Das ist nur meine Meinung, die bestimmt jeder für sich haben sollte. Ich glaube jedoch, dass ich mit meinen Vermutungen ziemlich dicht drann bin.
5
Bei rein elektronischer Musik ist das mit dem „Live“ ja sowieso immer so eine Sache. Von Band kommt die vielleicht nicht, aber aus dem Sequenzer. Und wenn man sich die Videos zu einigen älteren Großkonzerten Jarres einmal ansieht, muss man sich schon wundern, dass z.B. elektronisches Musikequipment auch im prasselnden Regen noch Töne von sich geben soll.
Ich glaube, dass das meiste, was da gespielt wird, schon aufgrund der technischen Komplexität nicht live sein kann, dass aber zumindest die vordergründigsten „Instrumente“ (etwa der KX-5-Umschnall-MIDI-Controller oder die elektrischen Schlagzeuge und beim letzten Konzert natürlich das Theremin) live eingespielt waren. Das ändert aber nix daran, dass außer bzw. trotz ein wenig Interpretation der bekannten Gassenhauer kein Live-Feeling aufkam.