Zu Recht vergessen?

Weil sich das Thema hier ja doch erstaunlicher Beliebtheit erfreut, noch eine kurze „subversive“ Anekdote. Man liest ja recht häufig online oder in Zeitschriften ziemlich negative Titulierungen für ältere Technik. Das ist etwas, das Schreibern in dieser Zeit sehr viel Freude zu machen scheint: Sperrmüll, angestaubt, Mottenkiste, Brechreiz-Pixel…die Liste geht weiter.

So las ich vor einigen Tagen in einem Blog, das sich öfter mit IT-Themen beschäftigt, einen Text über einen gar veralteten x86-Rechner mit (Zitat) „jämmerlicher Ausstattung“, der für die Moderne fit gemacht werden mußte.
Natürlich war der Text angefüllt mit abschätzigen Bemerkungen zum Rechner bzw. zu all jenem, das um- und aufgerüstet werden musste.

Schließlich war für (Zitat) „einfachste Büroarbeiten“ eine Installation von mindestens Windows XP absolut unerläßlich. Besonders fiel mir noch auf, daß eine auszutauschende Festplatte Quantum Fireball vom modern geprägten IT-Experten mit als „zu Recht vergessen“ bezeichnet wurde. Und hier wollte ich doch mal mit dem berühmten „Warum?“ nachhaken, denn auch in meinem eigenen „Uralt“-Rechner steckt eine Quantum Fireball und für die gilt seit 13 Jahren das Motto des VW-Käfers: sie läuft und läuft und läuft. Zumindest von meinem Standpunkt aus können es also keine qualitativen Gesichtspunkte sein, die dazu verleiten, dieses Stückchen Hardware mit den harschen Worten „zu Recht vergessen“ zu titulieren und auf den Müll zu werfen.

Daher fragte ich in einem Kommentar zum Beitrag, warum der Schreiber diese Worte gewählt hat. Muß ich erwähnen, daß ich auf diese Frage bisher keine Antwort erhalten habe? Schließlich sollte es für jedermann verständlich sein, warum Hardware mit einem derartigen Alter im Dunkel der Geschichte zu verschwinden hat, oder? Aber mit welchem Recht kann man eigentlich sagen, welche Technik zu Recht erinnerungswert und welche zu Recht vergessenswert ist? Liegt es auch am Zeitgeist, wenn Schreibern solche Aussagen nun derart leicht aus der Feder fließen?

Chris Pfeiler

Über Chris Pfeiler

on allen Retro-Schreibern bin ich wohl derjenige, der das Thema am Persönlichsten vertritt. Ich habe privat keinen digitalen Lifestyle im modernen Stil, also kein Handy, iKram oder aktuelle Rechner. Viele Leute finden das zum Haareraufen und würden mich gerne „missionieren“, ich finde aber, daß einem ein sog. veraltet-analoger Lebensstil viele Ideen und Perspektiven vermitteln kann.

3 Gedanken zu „Zu Recht vergessen?

  1. Meines Erachtens ist das ein Ausdruck von „wir werden immer moderner, aber treten doch auf der Stelle“. Da suchen sich die Betroffenen einen Weg, um dieses „auf der Stelle treten“ zu kaschieren. Und das geht nun mal am leichtesten, indem man „Unterlegene“ stärker und stärker herabwürdigt. Wenn man wirklich genau hinsieht, ist an unserer hypermodernen PC-Technik vieles gar nicht so hypermodern, sondern nur miniaturisiert, rationalisiert und beschleunigt. Der Coolness-Faktor ist irgendwann kurz nach dem Amiga verloren gegangen und viele versuchen krampfhaft, den mit Worten „herbeizuzaubern“. Heraus kommt dabei eben so ein sprachlicher Krampf…

  2. Zum Thema fällt mir spontan gerade noch ein Beitrag aus meinem Blog ein:

    http://bruchbach.simpleblog.org/23911/

    Dabei ist weniger mein Gebabbel im eigentlich Beitrag interessant, sondern mehr die Kommentare dazu, wo mir jemand beweisen will, daß es auch früher schon ätzende Rethorik gab und Leute immer etwas Besseres wollten. Wobei der „Beweis“ IMO nicht so ganz klappt, siehe meine Antworten im Kommentarbereich.

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