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Autobiografische Romane liegen Friedrich Christian Delius und man kommt nicht umhin, den doppelten Widerspruch in dieser Aussage zu bemerken: Wie kann eine Autobiografie so fiktional sein, dass sie zum Roman wird? Und wie kann man mehrere verschiedene Autobiografien verfassen? Nun, Zweiteres wäre zumindest dann möglich, wenn man viel Zeit und zu erzählen hat. Da Delius aber die Autobiografien anderer verfasst, tut sich gleich ein weiteres Absurdum auf: Wie können die autobiografisch sein? Derartige Widersprüche gehören zum Interessantesten, was postmoderne Literatur zu bieten hat – und sie werden noch interessanter beim Hörbuch. Das vorliegende Hörbuch erzählt die Autobiografie von Konrad Zuse als Roman mit viel Wahrem und Erfundenen. Und wessen Stimme erzählt uns diese Autobiografie? Natürlich F. C. Delius‘ Stimme und selbstverständlich aus der Ich-Perspektive.

Die Frau, für die ich den Computer erfand

Stellen wir die literaturtheoretische Frage des Genres erst einmal zurück und kommen zur Sache: Delius‘ Roman „Die Frau, für die ich den Computer erfand“ ist im vergangenen Jahr als Buch beim Rowohlt-Verlag erschienen. Wie es heute nicht selten ist, kam kurz darauf – vor einigen Wochen – eine Hörbuchfassung des Romans von Kunstmann auf den Markt, in der der Autor (Delius) seinen Roman vorliest: Ein fiktiver junger Journalist trifft sich 1995 mit Konrad Zuse in einer Gastwirtschaft am hessischen Stoppelsberg und lässt sich von ihm bis lang in die Nacht aus seinem Leben erzählen: wie er schon im Studium die Idee hatte, langwierige Rechenaufgaben zu automatisieren und dann zusammen mit Kollegen im Wohnzimmer der Eltern in Berlin-Kreuzberg die mechanische Rechenmaschine A1 baute. Wie der ständig klemmenden und viel zu aufwendig konstruierten A1 die mit Relais-Schaltern ausgestattete A2, dann schließlich die A3 folgte, welche dann die „erste vollautomatische, programmgesteuerte und frei programmierbare, in binärer Gleitpunktrechnung arbeitende Rechenanlage“ (Zuse) der Welt wurde – kurzum das, was wir heute „Computer“ nennen.

Delius‘ Zuse erzählt dann weiter, wie seine drei Maschinen durch den Krieg zerstört wurden. Wie er die A4 in einer gefährlichen Bahnreise kurz vor Kriegsende nach Bayern schaffte und von dort ins Hessische. Wie er seine Firma, die Zuse KG, gründete und welche Probleme er mit der Konkurrenz und den Patentämter hatte und wie ihm im Nachhinein von der ganzen Welt doch noch recht gegeben wurde, dass er der Erfinder des Computers ist, was sich in der Verleihung zahlreicher Ehrungen und Doktorhüte niederschlug. Die jüngste Ehrung dieser Art in Braunschweig will sich Zuse allerdings nicht antun und gibt anstelle dessen lieber das vorliegende Interview. Sein Interviewpartner schweigt selbst wenn er angesprochen, gefragt und manchmal ein wenig allzu großväterlich und lehrerhaft getadelt wird – etwa für die schlechten Mathematik-Kenntnisse oder sein fehlendes historisches Bewusstsein.

Neben all dem Biografischen fällt hier schon ein „Fehler“ markant ins Gewicht: A1, A2, A3 und A4? Hießen die Geräte von Zuse nicht „Z…“? Über die Bedeutung dieses „Z“ ist viel gerätselt worden und es hat sich eingebürgert, den Buchstaben einfach als den Anfangsbuchstaben des Erfindernachnamens zu sehen: Z wie Zuse. Diese Unsicherheit wird für F. C. Delius zum Ankerpunkt seines fiktionalen Hebels. Er benennt die Computer einfach in „A…“ um und motiviert diesen Namen: „A wie Anfang, Abenteuer, Ada“, lässt er seinen Zuse erklären. Dieser habe sich nämlich aufgrund einer gelesenen Fußnote in einem Buch über Mathematik unsterblich und „unmöglich“ (wie es im Untertitel der Erzählung heißt) in eine Frau verliebt – in die zurzeit des Interviews längst verstorbene Mathematikerin Ada Lovelace, die Tochter Lord Byrons und Kollegin Charles Babbages, der gut hundert Jahre vor Zuse selbst viel mit Rechenmaschinen experimentiert hat.

Ada Lovelace – diejenigen, die sich für Computergeschichte interessieren, wissen das – war aber nicht nur Mathematikerin, was sie für Zuse schon allein begehrenswert gemacht hat: Lovelace erdachte das, was man heute „Programmierung“ nennt – rein theoretisch und lange bevor es Computer gab (wofür man ihr unter anderem mit der Programmiersprache „Ada“ ein Denkmal gesetzt hat). Als Delius‘ Zuse das bei einem Aufenthalt in der Schweiz (er ist gerade seine A4 an die ETH Zürich losgeworden) herausfindet, ist er vollends für Ada eingenommen. Die großen theoretischen Leistungen in der zweiten Hälfte von Zuses Computer-Biografie, fußen Delius‘ Fiktion zufolge zu einem beachtlichen Teil auf dieser inspirativen Liebe: Sein Entwurf der Programmiersprache „Plankalkül“ – der ersten höheren Programmiersprache (die allerdings erst sehr spät nach Zuses Tod implementiert wurde) – und die Ideen zum „rechnenden Raum“ und anderen informatiktheoretischen Konzepten: „Ideen, die auch leicht für Wahnsinn hätten gehalten werden können – hätte Ada mir nicht immer zur Seite gestanden“, sinniert der Roman-Zuse in etwa.

Schon an diesen Beispielen zeigt sich, wie kreativ Delius mit den „Lücken“ und Geheimnissen in Zuses Biografie umgeht und warum diese erst durch das „fiktionale Auffüllen“ zu einem autobiografischen Roman werden kann! Wie eingangs angedeutet, verdichtet sich dies vor allem im Hörbuch, denn die im Roman noch „unhörbare Stimme“ des Erzähler-Ichs gehörte als personaler Erzähler noch Konrad Zuse und bot somit Distanz zur Stimme des Autors. Allzu gern wird bei der Lektüre ein allwissender Erzähler ja mit dem Autor „verwechselt“ und als Einheit gedacht; der sich zwar genau, aber nicht beliebig genau erinnernde Roman-Zuse bietet diese Gefahr noch nicht, weil ihm die Allwissenheit eines auktorialen Erzählers fehlt.

Im Hörbuch allerdings wird diese eingeengte Perspektive pervertiert, denn hier hören wir die sonore, bestimmende und zeitweise emphatische Stimme von F. C. Delius, der durch ein fremdes „ich“ spricht, das sich selbst als Konrad Zuse darstellt. Berücksichtigt man die biografischen Übereinstimmungen zwischen dem Zuse des Romans und der historischen Figur und ergänzt man die fiktionalen Füllungen des Autors Delius, so bekommt diese sich selbst mit fremder Stimme erzählende Figur eine unglaubliche, gleichzeitig simulative und realistische Plastizität. Und damit wird Delius‘ Hörbuch seinem Gegenstand mehr als gerecht: Der Computer, die Simulationsmaschien par excellence, beim historischen Zuse noch viel zu sehr ans Rechnen gebunden, wird zur Metapher für sich selbst, einer in sich gekrümmten Simulation, zu einem Raum voller Möglichkeiten und Fiktionen, die aussehen wie Fakten – und umgekehrt. Viel besser ließe sich wohl  auch das Phänomen Liebe nicht umschreiben.

F. C. Delius liest:
Die Frau, für die ich den Computer erfand
Die unglaubliche Geschichte des Konrad Zuse, der den ersten Computer der Welt baute -
und die Erfindung einer unmöglichen Liebe
München: Verlag Antje Kunstmann 2010
3 CDs mit Boolet, 19,90 Euro (Amazon)

Stefan Höltgen

2 Kommentare

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