BTW: Angelo

Gestern morgen hatte ich ein bisschen mehr Zeit, weil ich zum Zollamt gefahren bin (um dort meine „Magnavox Odyssey“ abzuholen :-D). Zeit, die ich nicht nur dringend totschlagen musste, sondern auch gut für die hermeneutische Durchdringung der Spielregeln von „Angelo“ gebrauchen konnte. „Angelo“ ist ein offenbar nur in Japan vertriebenes Spiel für MSX-Computer, das offenbar (auch/nur?) in einer ROM-Modul-Version vorlag. Außer dem Spiel selbst lag mir weder eine Beschreibung vor, noch verwies es im Vorspann darauf, wie es gespielt werden muss. Da war also trial and error angesagt …

Man hat drei Engel (entspricht drei Leben) und muss zunächst einmal wählen, ob man die normale oder die Arcade-Version spielen möchte. Angsthase, der ich bin, habe ich natürlich „normal“ gewählt und finde meinen kleinen Engel in eine Szenerie versetzt, in der ein paar bunte Wolken herumschweben. Am unteren Bildrand gibt es Rohre und ein kleines Männchen, das hin und her läuft. Die Rohre besitzen Düsen, die verschieden gefärbt sind – mit den selben Farben wie die Wolken um mich herum. Auf den Feuerknopf gedrückt freue ich mich erst einmal, dass der Engel seinen Heiligenschein als Waffe einsetzen und abfeuern kann. Ist hier aber überflüssig. Denn im ersten „normal“-Level gilt es, die Wolke einer jeden Farbe über die gleichfarbige Düse zu schieben, auf die Wolke draufzutreten (!), damit sie nach unten auf die Düse fällt. Das ist nicht so leicht und führt nach einigen Versuchen dazu, dass ich nicht mehr vom Himmel falle (also ein Engelsleben verliere), sondern nach oben steige (ins nächste Level). Die Metaphysik des Himmels funktioniert also erfrischend anders …

Im zweiten Level wird dann auch geklärt, warum die Wolken bunt sind: Mein Engel befindet sich nun in einer Farbfabrik. Eintönig graue Wolken erscheinen dort, müssen eingesammelt und in Lackierboxen verfrachtet werden, wo sie die entsprechende Farbe erhalten. Hier kommt auch der Heiligenschein endlich zum Einsatz, denn durch das Level wuseln seltsame rote Wesen (Teufelchen?) mit einem Affenzahn und versuchen meine Spielfigur bei ihrer Arbeit zu behindern indem sie sie rammen, was prompt mit einem Absturz (des Engels) endet. Also: Shoot to kill, kleiner Racheengel!

Wer gut aufgepasst hat, wird sich nun folgende Fragen stellen: Eine Lackiererei im Himmel? Wo kriegt die denn ihre Farbe her? Die Antwort gibt das dritte und letzte (?) Level von „Angelo“. Hat man nämlich genügend Wolken eingefärbt, geht es abermals aufwärts – ins Regenbogenland. Dort befinden sich oben, links und rechts Düsen. Aus den oberen fallen Goldstücke herab, die man einsammeln und in Richtung der Düsen abschießen muss. Nach und nach füllt sich der untere Bildrand mit den Segmenten eines Regenbogens. Und der liefert die weiter unten gebrauchten Farben.

„Angelo“ zu spielen macht ist allem deshalb kurzweilig, weil es die Himmels- und Engelsvorstellungen des Christenglaubens so herrlich verkitscht und daraus ein Jump&Run-Game mit Shooter-Einlagen macht. Irgendwo zwischen „The Wizard of Oz“ und „Space Taxi“ bildet das Spiel ein skurriles Kleinod, nicht unaufwändig produziert und mit anspruchsvollem Schwierigkeitsgrad. Genau das Richtige fürs Wartezimmer im Zollamt also.

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