Mein Retro ist nicht gleich Dein Retro – was auch egal ist

Wie ihr ja wißt, zocke ich gern. Immer und überall. Ihr auch? Na, willkommen im Club!

Und ja: ich gebe gern zu, daß ich auch gegen Geld zocke. Lotto spiele ich gern online, und auch Roulette und Co. Ebenso Fussballwetten. Warum auch nicht? Ich bin ein erwachsener Mann Mitte 40, der gern Spaß hat. Zocken ist mir wichtig, mit und ohne Kohle. Deshalb gehts gern mal ab bei mir. Okay, eines muß ich aber zugeben: so richtig richtig gehts natürlich nur bei Retrogames ab! Fuck, yeah!

Und davon gibt es zum Glück für jede Gelegenheit genug. Beispielsweise hier: 2400 DOS-Spiele im Browser spielbar. Da schlägt mein Herz höher! Das Internet Archive ist ohnehin eine geile Einrichtung, aber wenn ich allein schon Prince of Persia auf der Startseite sehe, dann kann ich gleich die Arbeit Arbeit sein lassen und loszocken! Dazu fällt mir eine Geschichte ein: damals spielte ich Spiele dieser Art bei einem Cousin, und der war ein ziemlicher Depp. Ewiger Student, bezahlte Bude und von den Eltern bezahltes Auto – so läßt es sich leben. Und natürlich ein PC. Das war anno 1990 noch eine kostspieligere Nummer als heute. Cousin X hatte diese Ausstattung natürlich auch. Und eine nervige Angewohnheit: immer wenn er nicht weiterkam, drückte er auf … Reset. Schließlich war ja immer der Computer an seinem Scheitern schuld. Wahrscheinlich später auch an seinem Scheitern an der Uni. Er wurde dann Einzelhändler. Ja, MINT-Fächer sind eben nicht jedermanns Sache :-)

Ähnliche Anekdoten gibt es natürlich auch zu Wolfenstein. Ach, was waren diese „Shooter“ damals noch für ein Aufreger! So wie der erste schwule Kuss in der „Lindenstraße“. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Aber Deutschland war nicht immer ein weltoffenes, fröhliches Land. Nun gut, über Engstirnigkeit muß ich gerade im Internet nichts schreiben. Aber ihr wißt ja, was ich meine. Und könnt euch – wenn ihr zwischen 30 und 50 seid – sicher gut an diese Zeiten erinnern. Und damit ja auch an die Gaminganekdoten, die ihr selbst aufgebaut habt.

Einziges Manko: wenn ich heute online Roulette spiele, tue ich das, weil ich als junger Erwachsener mit meinen Kumpels in Las Vegas so gezockt habe wie noch nie zuvor in meinem Leben. Legendäre Wochenenden waren das – lange vor Hangover ;-) Da gabs noch keine Billigflüge in die USA und die Einreise erfolgte mit einem fröhlichen „How are you?“ und nicht mit Fingerabdrücken, Suchhundbeschnüfflung und Terrorangst. Ja, die Welt ist liberaler und gleichzeitig auch wieder enger geworden. Aber so ist es eben auch bei den Retrogames: wenn man sie heute zockt, zockt man sie entweder wegen der alten Zeiten – oder weil man ein neuer Retrofan ist. Wobei ich mal vermute, daß Letzteres eher die große Ausnahme sein dürfte. Ich freue mich jedenfalls über jeden einzelnen Zock. Die Gefühle, die wir damals hatten – Einzigartigkeit, Innovation, Revolution -, die können die Kids von heute bei 8-Bit-Flippern, Turrican und Wolfenstein nicht mehr erleben. Dafür können sie ihre eigenen Erlebnisse schaffen. Und so ist das wohl mit der Welt: sie wird einerseits offener und dann doch wieder verschlossener. Eine Tür öffnet sich, während sich eine andere schließt. Ich zocke individuell das, was mich an früher erinnert – womit andere (jüngere) Menschen nix anfangen können. Dafür schaffen diese ihre eigenen Erinnerungswelten – aus denen ich wiederum ausgeschlossen bleibe.

Solange gilt „Jeder so, wie er mag“, bin ich aber zufrieden. Zockt doch, was ihr wollt. Ich machs auf jeden Fall so. Das Internet machts möglich. Heute und in Zukunft.

Dieter

Über Dieter

Dieter mag das Online-Zocken, mit und ohne Geld, und schreibt sporadisch darüber ;-) Er mag auch andere Themen, die sich rund um das Retrogaming drehen und ist deshalb neuer Autor in der Rubrik Specials.