Deutsche Erfindungen und wie sie die Gaming Industrie bereichern

Wenn man an Standorte für die Videospielindustrie denkt, dann kommt einem Deutschland nicht sofort in den Sinn. Die meisten großen Spieleentwickler sind in den USA oder Japan ansässig, auch die drei großen Hersteller von Spielekonsolen kommen aus den beiden Ländern. Dennoch hatten deutsche Erfindungen und Tüftler einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Branche, von der Erforschung des Binärsystems, über die erste Spielekonsole bis hin zu bahnbrechenden Technologien im neuen Jahrtausend. Zeit, sich einmal anzusehen, welche deutschen Köpfe und Erfindungen eine der größten Industrien des 21. Jahrhunderts geprägt haben.

„Magnavox-Odyssey-Console-Set“ by Evan-Amos (Public Domain Image) (via wikimedia commons)

Wichtige Vorarbeit 

Natürlich gibt es auch abseits direkter Erfindungen viel, was Deutschland zur Entwicklung der Videospielindustrie beigetragen hat. Ohne die bahnbrechenden Erkenntnisse, die durch Einsteins Relativitätstheorie gemacht wurden, wären moderne Computersysteme zum Beispiel überhaupt nicht möglich: Mit der Erfindung des Transistors von William Shockley, Walter Brattain und John Bardeen in den berühmten Bell Laboratories Ende der 1940er Jahre und später durch die Erfindung des Mikroprozessors um das Jahr 1970 wurden die Halbleiter, die zur elektronischen Weitergabe von Signalen genutzt werden, so klein, dass die Gesetze der Quantenphysik übernahmen. Ohne Einsteins Vorarbeit hätten wir heute keine Ahnung, wie die moderne elektronische Weiterleitung von Daten funktionieren sollte, Dinge wie Spielekonsolen oder Smartphones blieben Träumereien.

Dabei sollte auch nicht vergessen werden, dass mit der Gamescom die nach Besucherzahlen größte Spielemesse der Welt jedes Jahr in Deutschland stattfindet. Und das Computerspielemuseum in Berlin zeigte ab 1997 die erste ständige Ausstellung zum Thema Videospiele und ist noch heute in der Karl-Marx-Allee zu besichtigen. Es gibt aber auch viele Beiträge zur Geschichte der Gaming Industrie, die einen direkteren Einfluss auf deren Entwicklung hatten.

Das Binärsystem (1703)

Der berühmte Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz legte im Jahr 1703 den Grundstein für die gesamte Computerrevolution – zu einer Zeit, in der an universale Rechenmaschinen noch nicht einmal zu denken war. Das Binärsystem, das ausschließlich aus den uns heute bekannten Nullen und Einsen besteht, setzte sich gegen alle anderen Methoden durch, mit denen Computer angesteuert werden konnten. Damit war die Arbeit von Leibniz eine notwendige Voraussetzung für die uns heute umgebenden Videospiele. Egal ob Candy Crush, Call of Duty oder Super Mario: Sie alle wurden auf Programmen geschrieben, die auf dem Binärsystem aufbauen.

Konrad Zuse und die Z1 (1937) 

Die Historie der Computer reicht weit zurück. Eine der bekannteren (und poetischeren) Geschichten ist die von Ada Lovelace und Charles Babagge. Lovelace wuchs als das Kind einer mathematisch begabten Mutter und des berühmten britischen Dichters Lord Byron auf. Von der Mutter erbte sie das analytische Denken, vom Vater einen Sinn für Romantik und Literatur. Als Charles Babagge ihr um 1840 seine „Analytical Engine“ vorstellte – die vermutlich erste mechanische Rechenmaschine für universelle Anwendungen, die einen ganzen Raum einnahm – beschrieb Lovelace in ihren berühmten „Notizen“ dazu das erste moderne Computerprogramm. Man könnte sie daher als die erste Programmiererin der Welt sehen.

Dennoch wurde die Analytical Engine niemals gebaut. Erst Konrad Zuse machte den Traum möglich. Im Jahre 1937 entwickelte Zuse die Z1, die erste frei programmierbare (und damit universal einsetzbare) Rechenmaschine, welche binäre Zahlen verarbeiten konnte. Die Z1 kann damit getrost als die Vorfahrin aller modernen Computersysteme bezeichnet werden. Das Original wurde bei Angriffen im Zweiten Weltkrieg zerstört, später wurde jedoch ein exakter Nachbau angefertigt. Dieser kann heute noch im Technikmuseum in Berlin bestaunt werden.

„Ms. Pac-Man & Donkey Kong – arcade cabinets“ by Rob Boudon (CC BY 2.0) (via wikimedia commons))

Spielhallen und elektronische Glücksspiele (ab 1950)

Eng verwoben mit der Geschichte der Videospiele ist auch die der Automaten und des Glücksspiels. In den 1970er und 1980er Jahren teilten sich die ersten Arcade Automaten auch in Deutschland die Hallen mit Glücksspiel- und Flippertischen. Die zuständigen Unternehmen hatten großen Einfluss auf die Entwicklung der Videospiele: Bally Wulff ist so eine in Berlin ansässige Firma, die führend in der Entwicklung, der Produktion und dem Vertrieb von Spielautomaten in Deutschland ist. Bereits 1950 gegründet, stellt Bally Wulff heute nicht nur Slots für Spielhallen her, sondern auch Online-Spiele, die an klassische Automaten erinnern. Die Einbettung der ersten Arcade Spiele in bestehende Raster bereits bekannter Spielarten hat viel dazu beigetragen, dass Videospiele Fuß fassen konnten in einer damals nur wenig vernetzten Gesellschaft. Die Konkurrenz der Arcade-Spiele mit Spielautomaten wie denen von Bally Wulff hat bis heute spürbare Auswirkungen: das berühmte schnelle Gameplay, bei dem man immer eine Münze nachwerfen musste, um es erneut zu versuchen, inspirierte Firmen wie Namco (Pacman) oder Nintendo (Donkey Kong) zu ihren großen Spielhallen-Hits.

Ralph Baer und die Magnavox Odyssey (ca. 1970) 

Die im Jahr 1972 erschienene Magnavox Odyssey war die erste für den Heimbedarf gedachte Spielekonsole und wurde von niemand Geringerem als dem Deutschen Ralph Baer erfunden, der diese in Eigenregie entwickelte. Die darauf laufenden Spiele erinnerten noch stark an Gesellschaftsspiele. Auch den Punktestand im Speicher zu behalten, lag jenseits der Möglichkeiten der Konsole. Dennoch war das Projekt ein Erfolg: Insgesamt 350.000 Einheiten wurden von der Magnavox Odyssey verkauft, im Vergleich zu heutigen Videospielkonsolen unfassbar wenig, damals jedoch genug, um mit der Magnavox Odyssey 2 im Jahr 1978 die zweite Generation in Auftrag zu geben. Auf Baers Erfindung folgten in den 1980er Jahren Atari, Nintendo und Sega, später Sony und Microsoft. Wer weiß: Hätte Baer seine Konsole nicht im Alleingang entwickelt, dann wäre der moderne Heimkonsolenmarkt vielleicht nie entstanden. Der junge Steve Jobs wäre vielleicht nie bei Atari angestellt worden – und die Geschichte der Computer und Videospiele hätte einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Baer wurde später mit der National Medal of Technology ausgezeichnet und erhielt kurz vor seinem Tod die Edison Medaille für seine Beiträge zur Elektrotechnik und Wissenschaft.

„Far Cry 3 at Igromir 2012“ by Sergey Galyonkin (CC BY-SA 2.0) (via wikimedia commons)

CryEngine (2004)

Viele Videospieler erinnern sich noch an FarCry, das bei seinem Erscheinen im Jahr 2004 neue grafische Maßstäbe setzte und selbst Jahre später noch als technische Referenz herangezogen wurde. Das Spiel von Crytek, dem deutschen Entwicklungsstudio unter der Leitung von Cevat Yerli, baute auf der eigens entwickelten CryEngine auf, die bis heute in einer neueren Version erhältlich ist. Die Engine basierte auf damals brandneuen Techniken wie Bumpmapping, Pixel-Shader 2.0 und Vertex Shader 2.0. Die von der Engine ermöglichte Weitsicht, sowie die realistische Darstellung von Wasser setzten bei ihrem Erscheinen Maßstäbe. Die neueste Version der CryEngine wird weiterhin von namhaften Entwicklern benutzt.

Deutsche Erfindungen und Denker haben also bis in die heutige Zeit die Entwicklung der Gaming-Branche mitgeprägt und werden dies auch in Zukunft tun. Ohne die in Deutschland geleisteten Arbeiten, insbesondere von Denkern wie Einstein, Zuse, Baer und Yerli, wären Videospiele heute nicht da, wo sie sind. Man kann also positiv gestimmt sein, dass deutsche Erfindungen auch in den nächsten 50 Jahren die Welt der Videospiele bereichern und somit Fans von Retro und modernen Konsolen begeistern.

Dieter

Über Dieter

Dieter mag das Online-Zocken, mit und ohne Geld, und schreibt sporadisch darüber ;-) Er mag auch andere Themen, die sich rund um das Retrogaming drehen und ist deshalb neuer Autor in der Rubrik Specials.