Gauselmanns Glück sind die verpaßten Retrochancen der Deutschen

Kaum schreibe ich über meine Anfänge an den berühmten Merkur-Maschinen, schon kommt eine Nachricht rein, die mich an eine alte Geschichte erinnert. Und letztlich dazu führt, daß ich Paul Gauselmann dankbar bin.

Kennt ihr Paul Gauselmann überhaupt? Er dürfte Deutschlands Spielhallenkönig sein, inzwischen hochbetagt und im Laufe seines langen Lebens auch mir mal über den Weg gelaufen. Auf irgendeiner Veranstaltung traf ich ihn seinerzeit, lang, lang ists her, und dankte ihm spontan für sein berufliches Engagement. Er war erstaunt, denn daß einem Automatenaufsteller in Deutschland für sein Wirken gedankt wird, das sei eher ungewöhnlich. Aber warum eigentlich?

Meine Meinung dazu lautet: Die Deutschen sind ein lustfernes, verzagtes Volk. Als seinerzeit die Heimcomputer aufkamen, war ich begeistert – ganz anders als die meisten Deutschen. 68er Spirit aus den USA! Kalifornien! Silicon Valley! Befreiung durch Technik! Ich konnte mit diesem Geist, mit dieser Mentalität, sofort etwas anfangen. Wie oft war ich im Tal der magischen Maschinen, ließ mich begeistern, kaufte die neuen Geräte, freute mich über ihr Potenzial. Und in Deutschland? German Angst! Zocken ist doof und macht doof. Spieler sind Loser, verpickelte Freaks, frauenfeindlich, lustfeindlich, technophil. Was für ein Quatsch! Gauselmann denkt da wohl ganz ähnlich:

Im Krieg lernt er in den Luftschutzbunkern von Münster viele Spiele kennen. Diese Welt fasziniert ihn. Schon als Angestellter macht er sich später nebenbei selbstständig, stellt Musikboxen auf und entwickelt für sie eine Fernbedienung. Gauselmann ist ein Tüftler, der in seinem Leben mehr als 300 Patente angemeldet hat. 1976 wird der Geldspielautomat „Merkur B“ fertig, und er heißt so, weil 1976 das Jahr des Merkur war.

Hier in Deutschland kann man diese Freude am Spiel nur einem kleinen Kreis von Menschen wirklich nahebringen. Das ist schade, denn Lustfeindlichkeit macht die Welt nicht zu einem besseren Ort. Ihr alle, als Retrozocker, wurdet auch lange Zeit schräg angeguckt, wegen eures Hobbys, wegen eures Stils, eurer Attitüde. Teilweise lebt ihr seit Jahrzehnten mit dem Nerd-Stempel, der in Deutschland keineswegs positiv besetzt ist!

Spielen ist für viele Menschen Zeitverschwendung, albern, abwegig. Man sieht nur die Nachteile wie Sucht, Gruppenzwang und finanzielle Risiken und vergißt darüber, daß das ganze Leben voller Risiken ist und die Risikodebatte sehr oft sehr heuchlerisch geführt wird:

Während er selbst gerne vom Spiel mit dem kleinen Geld spricht, was sich harmlos anhört, wird er von Kritikern als professioneller Förderer der Spielsucht gebrandmarkt. Er hält dem dann entgegen, dass der Spielsüchtige meist ein anderes Problem habe und es – mit Blick auf die Merkur Spiel-Arena in Düsseldorf – vergleichbare Diskussion um den Alkoholismus bei der Veltins-Arena auf Schalke nicht gebe. Für den Pragmatiker Gauselmann steckt in der Debatte viel Pharisäertum.

Ich schalte morgen erstmal wieder den C64 an, zocke ein wenig, chatte mit meinen Kumpels, genieße das Leben. Das solltet ihr auch tun, liebe Retrofans, und zwar so oft es nur geht. Um zu zeigen, wie wichtig der Spaß am Spiel ist. Was ich auch tue, und zwar hier und jetzt. An dieser Stelle, auf dieser Website, kann und darf es nicht nur um die Hard- und Software gehen, nicht nur um verklärte Erinnerungen an die Gameranfänge in den 70ern, 80ern und 90ern, sondern auch um den Spirit. Ich bin froh und dankbar, hier als Autor diese Position einnehmen zu können, denn ich denke, daß wir unseren Spirit nicht nur verteidigen, sondern so oft wie möglich positiv und realistisch darstellen sollten. Spiel ist Leben! Zocken ist Leben! Retro wie modern, online wie offline. Das Spiel gehört dazu, mit oder ohne Geld.

Wir haben genug Zeit mit Dystopien verschwendet, genug über die Nachteile der Digitalisierung geredet. Wir müssen den Menschen danken, die etwas fürs Zocken getan haben. Ja, auch Automatenaufstellern wie Gauselmann. Mir wäre natürlich auch lieber, wir hätten Jay Miner und Commodore in Deutschland gehabt, Steve Jobs, Bill Gates. Aber besser Gauselmann als niemanden. Da sind über 800 Unterhaltungsspielgeräte in Merkur-Casinos ein wichtiger Beitrag. Trotz aller Schwierigkeiten, die Geldspielcasinos mit sich bringen. Denn wie gesagt: nichts ist ohne Risiko und erwachsene Menschen sind zuerst einmal erwachsene Menschen, die nicht nur als Risikofaktor gesehen werden dürfen.

Und überhaupt: Gauselmann danken zu müssen wäre gar nicht nötig, hätte Deutschland die digitalen Chancen nicht so grandios verpennt. Aber so kommt es nun mal, wenn man sich vorrangig auf die Risiken konzentriert und die Menschen und ihre Bedürfnisse völlig ignoriert. Nun müssen wir dankbar sein für jeden, der überhaupt etwas fürs Zocken macht. So sieht die Realität nun mal aus: besser den Spatz in der Hand …

Menschen wollen spielen. Menschen wollen auch Party machen und Alkohol trinken, sogar harte Drogen nehmen. Das werden wir niemals ändern. Wer Gauselmann, Veltins und Co. nicht mag, der muß es selbst in die Hand nehmen und bessere Angebote machen. Wir leben nicht in einer perfekten Welt und werden es nie tun. Aber wir können daran arbeiten. Am besten, wenn wir ehrlich und fair sind. Und nicht meckern. Denn meckern ist keine Arbeit. Meckern ist dasselbe wie pauschal dagegen sein und bringt uns nicht weiter. Und das können wir uns eigentlich nicht leisten.

Dieter

Über Dieter

Dieter mag das Online-Zocken, mit und ohne Geld, und schreibt sporadisch darüber ;-) Er mag auch andere Themen, die sich rund um das Retrogaming drehen und ist deshalb neuer Autor in der Rubrik Specials.