Interview mit Benedict Braitsch zum baldigen Release von Ultracore

Foto (C) Striclty Limited Games

Die Stuttgarter von „Strictly Limited Games“ sind für die Veröffentlichung von limitierten, physischen Sammlereditionen digitaler Spiele für PlayStation 4, PlayStation Vita und Nintendo Switch bekannt. In den letzten Wochen gab es eine kleine Sensation.

Der Amiga Action-Platformer „HardCore“ wurde vor über 25 Jahren von „Digital Illusions“ entwickelt – jene Truppe die auch für die Pinball Dreams Umsetzung auf klassischen Amigas verantwortlich war. Der Publisher „Psygnosis“ widmete sich kurz vor Fertigstellung des Spiels bereits der nächsten Generation an Spielgeräten und stoppte die Veröffentlichung.

2010 führte Olaf Gustaffsson, der Musiker des Spiels, auf der schwedischen Demoparty Datastorm in Göteborg einen XBOX 360 Prototyp vor. Er und seine Kollegen hielten am Projekt fest. Etliche Jahre später scheint man mit Strictly Limited Games einen Publisher gefunden zu haben, der auch die Ziellinie erreicht. Das Spiel wird so mindestens Next-Generation Gamer im Sommer 2019 unter dem Namen “Ultracore” erfreuen.

Benedict Braitsch von Strictly Limited Games war so freundlich und hat sich für  uns Zeit genommen.

RETRO-Magazin: Wie kommt man generell auf die Idee alte Spiele limitiert für neue Systeme auf den Markt zu werfen?

Benedict: Zunächst sind die Spiele, die wir monatlich in physischer Form veröffentlichen, nicht nur alte Spiele. Meistens handelt es sich dabei um Indie-Games, die bereits für PS4 / PS Vita oder Nintendo Switch entwickelt wurden.

Da wir aber persönlich einen starken Hang zu Retro haben, bevorzugen wir 2D und Arcade Spiele, weshalb der „Retro“-Eindruck entsteht. Diese Spiele sind in der Regel bereits als Download-Version verfügbar, wurden aber bisher nicht auf Disk/Cartridge auf den Markt gebracht. Hier setzen wir an, um diese Schätze auch in physischer Form verfügbar zu machen, damit man sie selbst dann noch spielen kann, wenn PSN und eShop womöglich nicht mehr oder in anderer Form existieren. Schließlich ist es wichtig, Spiele auch zu bewahren und zu archivieren.

Als beispielsweise PlayStation Mobile eingestampft wurde, gingen zusammen mit dem Store auch sämtliche exklusiven Spiele „verloren“. Mit Spielen auf Disks bzw. Modulen kann zumindest dieser Gefahr der Digitalisierung entgegengewirkt werden, um Spiele somit auch für die Nachwelt zu erhalten.

RETRO-Magazin: Bei HardCore gibt es eine Version für klassische Amigas, Sega Mega Drive sowie Sega Mega CD. Eure Umsetzung orientiert sich an welcher Version und warum?

Benedict: Wir arbeiten mit dem Original Quellcode der Sega Mega Drive Version. Diese bietet grafisch und Gameplay-technisch die beste Umsetzung. Hinzu kommen Abschnitte, die ursprünglich durch technische Hürden auf die Sega Mega-CD Version beschränkt waren.

RETRO-Magazin: Wird hier alles neu programmiert oder setzt man auf eine Amiga oder Mega Drive Version in Kombination mit einem Single-Game Emulator?

Benedict: Komplett neu programmieren müssen wir Ultracore nicht, da das Spiel bereits damals zumindest auf Mega Drive nahezu fertiggestellt war. Wir haben das große Glück, mit einigen unglaublich talentierten Programmierern zusammenzuarbeiten. Für die Lauffähigkeit auf modernen Konsolen nutzen wir einen lizensierten Mega Drive Emulator. Kleinere Anpassungen und Bugfixes werden direkt am Mega Drive Quellcode geändert. Hierfür haben wir mit Matt Phillips von Big Evil Corporation (Tanglewood) jemanden gefunden, der sogar noch auf der original Sega Mega Drive Entwicklerkonsole programmiert.

Bei der Portierung und insbesondere der Anpassung der Steuerung unterstützt uns Matthew Gambrell (ehem. Renegade Kid), ein nicht weniger begnadeter Programmierer und absoluter Experte auf seinem Gebiet.

RETRO-Magazin: Interessant für unsere Leser sind primär die ursprünglichen Versionen für Amiga und Sega Mega Drive. Wird man aus nostalgischen Gründen diese Versionen eventuell als Bonus mitveröffentlichen?

Benedict: Als wir HardCore angekündigt haben, waren wir insbesondere überwältigt von den lauten Stimmen, die eine Sega Mega Drive und Amiga Version fordern.

Zunächst ist das Spiel für Nintendo Switch, PlayStation 4 und Vita angekündigt. Zu weiteren Versionen können wir aktuell noch nichts sagen, werden aber mögliche weitere Versionen genauestens evaluieren.

RETRO-Magazin: Inwieweit wird das Nostalgiegefühl für euer Release erhalten?

Benedict: Zu 100%! Das Spiel an sich wird nahezu unverändert im Vergleich zur Original Version von 1994 veröffentlicht. Natürlich muss die Steuerung angepasst und für moderne Controller optimiert werden und auch die Mega CD-Stages waren damals noch nicht vollständig fertig, was wir dann übernehmen, aber am Nostalgiegefühl selbst wird das nichts ändern.

RETRO-Magazin: Habt ihr noch andere unveröffentlichte Amiga und Mega Drive Spiele an der Hand, die ihr eventuell neu zum Leben erweckt?

Benedict: Es gibt noch viele weitere Spiele, welche als verschollen gelten oder nie veröffentlicht wurden. Für uns ist es ein großes Anliegen, dieses Konzept weiterzuverfolgen und noch mehr Schätze aus der Vergangenheit zu bergen. Das müssen ja nicht ausschließlich Sega Mega Drive oder Amiga Spiele sein. Schließlich gibt es auch auf anderen Plattformen hervorragende Spiele und große Titel, welche nur darauf warten, aus der Versenkung gehoben zu werden.

RETRO-Magazin: Welche verschollene Perlen hast du persönlich im Visier?

Benedict: Alte Spiele die verschollen oder nie veröffentlicht wurden aber eine Umsetzung verdient hätten, gibt es viele. Was ich z.B. gerne auf modernen Konsolen sehen würde, wären Turrican und Rendering Ranger. Eine Neuauflage dieser Klassiker wäre auch ein Stück deutscher Spielegeschichte.

Ich habe noch ein Spiel im Kopf, welches nie den Sprung aus den Arcade-Hallen geschafft hat, obwohl es spielerisch und für die damalige Zeit auch grafisch, ein Top-Spiel ist. Leider kann ich den Titel aber an dieser Stelle nicht nennen. Sonst wäre ja bereits die Frage beantwortet, wie es nach Ultracore weitergehen wird…

RETRO-Magazin: Vielen Dank für deine Zeit und wir wünschen weiterhin viel Erfolg!

Shahzad Sahaib

Über Shahzad Sahaib

Sein Erstcomputer war ein Amiga 500 von Commodore. Besitzt aber noch zahlreiche weitere Retrorechner, Konsolen und Exotenhardware. Shahzad ist unter anderem Gründer der auf Handheld- und Konsolenhomebrew spezialisierten Seite PDRoms. Talentscout und Organizer in der Demoszene sowie Mitglied der Demogruppe Speckdrumm. Als Gründungsmitglied und Projektleiter der Spieleschmiede Retroguru unterstützt er aktiv die Produktion von Spielen auf alter Hardware mit weiteren kreativen Experten aus einschlägigem Kreise.