Geburtstag (V): Der Computervirus

Und? Auf welchem Rechner geschah es zuerst? Richtig: Apple II. Sagt SPIEGEL ONLINE.

Moment mal: Das war doch 2007, dieses Jubiläum. Also ist der Computervirus nicht 25, sondern mittlerweile schon 26 Jahre alt. Warum kommen dann aber heute Pressemeldungen des Branchenverbandes BITKOM rein, welche den Titel

Jubiläum anderer Art: 25 Jahre Computervirus

tragen?

BITKOM begründet die Meldung so:

Vor 25 Jahren, am 10. November 1983, stellte der US-Forscher Fred Cohen an der University of Southern California den ersten Computervirus vor.

Was stimmt nun?

SPIEGEL ONLINE mag nicht allwissend sein, zieht aber mit einem Science-Artikel ins Feld – und Science ist nicht irgendein Blättchen, sondern das Wissenschaftsmagazin schlechthin. Und BITKOM? Immerhin gibt es zahlreiche Berichte (beispielsweise beim österreichischen Standard) über dieses Jubiläum, vornehmlich mit dpa-Text – was die Sache natürlich nicht automatisch richtiger macht, denn vielfaches Wiederholen einer Falschmeldung macht aus ihr keine richtige Meldung, wie wir wissen. Aber ist die BITKOM-Meldung denn nun richtig oder falsch?

Wikipedia hilft bei der Aufklärung:

1982 wurde von dem 15-jährigen, amerikanischen Schüler Rich Skrenta ein Computerprogramm geschrieben, das sich selbst über Disketten auf Apple-II-Systemen verbreitete. Das Programm hieß Elk Cloner und kann als das erste Bootsektorvirus bezeichnet werden.

Die Grenze von Theorie und Praxis bei Computerviren verschwimmt jedoch, und selbst Experten streiten sich, was tatsächlich das erste war.

Professor Leonard M. Adleman verwendete 1984 im Gespräch mit Fred Cohen zum ersten Mal den Begriff „Computervirus“.

(…)

Fred Cohen lieferte 1984 seine Doktorarbeit Theory and Experiments ab. Darin wurde ein funktionierendes Virus für das Betriebssystem UNIX vorgestellt. Dieses gilt heute als das erste Computervirus.

Fred Cohen selbst bestätigt den 10. November 1983 als Tag der Präsentation.

Fazit: Welchen Tag nehmen wir nun? Für Techies letztlich wohl keine wirklich entscheidende Frage.Für BITKOM wohl auch nicht, denn die Pressemeldung (mit dem 10. November als Stichtag) erschien drei Tage zu früh.

Aber so ist das nun mal mit Pressemeldungen. Insgesamt scheint BITKOM nur ein gefälliges Vehikel für eine ansonsten unbedeutende Meldung gesucht zu haben. Das „Jubiläum“ wird mit nur einem Satz erwähnt (s.o.) und zählt 22 Worte. Der Rest der PM, welcher Allgemeinplätze bemüht, ist ca. 30mal so groß

Über Stephan Humer

Mitbegründer und -herausgeber von Magazin und Website. Und das, ohne das Label „Generation C64″ wie eine Monstranz vor sich her zu tragen. Mag es, über die Grenzen der Chips hinauszuschauen.