„20 Jahre PC-Games“ – kann das gutgehen?

Dieser Tage hatte ich mir mal wieder eine aktuelle PC-Games gekauft. Mit den darin präsentierten Spielen bzw. der Mentalität im Heft kann ich eigentlich schon seit Jahr(zehnt)en nichts mehr anfangen, mich interessierte aber dezent der „20 Jahre PC-Games“-Artikel mit dem Thema Hardware. Konnte das gutgehen?

So hatte in einer Ausgabe vor einigen Monaten der Fachredakteur vom Dienst in einem amüsierten Rückblick noch davon gesprochen, daß er sich doch damals glatt für ein Spiel aus den 90ern einen PC mit Prozessor „Pentium 486“ kaufen musste. Aha. Wenn sich die Zeitschrift nun als Schwerpunktthema mit „rückständigem“ Kram befasst, kann es also eigentlich nur lustig oder traurig werden.

Wie dem auch sei, widmen wir uns kurz dem „20 Jahre PC-Games“-Hardware-Artikel ab Seite 104 im Heft. Hier kann ich mich aber nur zur Doppelseite „Pionierzeit 1992 – 1997“ äußern, von den Jahren danach habe ich keine Ahnung mehr. Und man glaubt es kaum – rein faktisch sind die Aussagen in dem Artikel nicht einmal grundsätzlich falsch. Ich hatte eigentlich gehofft, mindestens 17 1/2 technische Falschaussagen pro Artikel zu finden. Schade. Die Leute sind einfach zu gut ;-).

Was aber natürlich auffällt (obwohl man es erwartet), ist das Vokabular und die Schreibweise. Einerseits soll zwar davon berichtet werden, wie „spannend“ diese Zeit war, andererseits tropft aber eine amüsierte Herablassung und digitale Überheblichkeit aus jeder Textzeile. So sind etwa irgendwelche technischen Daten, die die hippen Redakteure für heutzutage nur lächerlich halten (was ja nicht bedeutet, daß sie es wirklich sind) mit überdrehten Adjektiven wie „unglaublich“ oder „wahnwitzig“ tituliert. Grafik ist gleich pixeliger Brei, Sound ist gleich Elend usw. Der Hinweis auf den Kontrast zum modernen „Optikfest in Full HD“ darf hier natürlich auch nicht fehlen.

Symptomatisch ist vermutlich das gezielt negativ wirkende Bild zur Illustration von MS-DOS – nämlich ein völlig überfrachtetes DOS-Fenster eines englischen Windows 98, angefüllt mit einem kryptischen Verzeichnis und ebenso kryptischen, ellenlangen Befehlen. Das hat zwar meiner Meinung nach mit DOS-Alltag der frühen 90er nur wenig zu tun, unterstreicht aber für die jungen Leser überzeugend, wie „undenkbar“ es doch wäre, mit DOS-Kommandozeile arbeiten zu müssen. Was für den Leser als denkbar und undenkbar zu gelten hat, liegt solchen Zeitschriften ja immer sehr am Herzen. In den frühen 90ern kam man übrigens laut Artikel nicht an MS-DOS vorbei – auch eine etwas gewagte Aussage.

Der Kurztext über Grafikstandards ist auch nicht grundsätzlich falsch. Ordentliche Grafik, die auch heute noch „durchgehen könnte“ beginnt für die Redakteure natürlich erst bei VGA. Der Grafikstandard mit der höchsten Auflösung (720 x 348 Pixel), nämlich Monochrom, wird gleich mal unterschlagen bzw. nur als „grüner Text“ erwähnt. Die Illustration zum Unterschied zwischen EGA und VGA mittels „Quest for Glory“ ist in gewisser Weise eine Mogelpackung, da der Anschein erweckt wird, es würde das gleiche Spiel in zwei Grafikmodi gezeigt. Meines Wissens nach kam die VGA-Version von „Quest for Glory“ erst Jahre später. Man korrigiere mich, falls nötig.

Wie der Artikel zum CD-ROM klarstellt, mußte man sich nun endlich nicht mehr mit lächerlichen 1,44 MB herumplagen, sondern hatte 650 MB – pardon, „unglaubliche“ 650 MB – verfügbar. Daß viele dieser frühen CD-ROM-Spiele mit „erstaunlicher Grafik“ nur aufgeblasene Multimedia-Blender waren, und ihnen selbst kleine Spiele auf einer Diskette vom Gameplay her bisweilen weit überlegen waren, findet natürlich keine Erwähnung – es würde glatt den „neue Technik = mehr Fun“-Eindruck trüben. Hey, in dem Artikel findet man nun sogar ein paar faktische Fehler: so haben „wabbelige“ 5,25″-Disketten für PC angeblich ja nur ca. 160 KB Speicher pro Seite (tatsächlich haben 5,25″ unter DOS bis zu 1,2 MB) und 3,5″-Disketten dann immerhin schon 1,44 MB pro Seite. Ist mir noch gar nicht aufgefallen, daß man letztere einfach umdrehen kann. Mein Laufwerk muß kaputt sein ;-).

Erwähnenswert erscheint mir dann nur noch der kurze Beitrag zum Thema Pentium, natürlich tituliert als „CPU-Revolution“ und „Hochleistungsprozessor der Zukunft“. In einem Halbsatz wird nebenbei sogar der Fließkomma-Bug erwähnt, jedoch auch gleich lobend nachgeschoben: „Intel besserte hier zum Glück schnell mit fehlerfreien Prozessoren nach…“. Nun sollte in den Redaktionshallen natürlich keinerlei Zweifel an der Professionalität und Integrität von Intel bestehen. Wenn ich mich aber recht erinnere, hatte sich Intel in jenen Tagen ziemlich geziert und Anwender verärgert. Erst nach Hype und Presserummel wurde überhaupt ein Ersatz für betroffene Käufer in Betracht gezogen. Man korrigiere mich auch hier, falls nötig – ich war von dem Thema selbst nicht betroffen.

Tja, und dann ist das noch da kurze Fazit des Redakteurs zu den Jahren 1992 – 1997, der ein schnelles Resüme über diese „Pionierzeit“ zieht und für wenige Worte fast noch symphatisch wirkt, dann aber doch zu der Schlußeinsicht kommt: „Was waren wir naiv…“ Zum Glück ist man heute dank jährlichem Hochleistungsaufrüsten und 64-Bit viel schlauer geworden. Ach ja, Rainer Rosshirt befasst sich weiter hinten in seiner Kolumne auch wieder damit, daß er es nicht mehr hören kann, wenn Leute sagen, daß früher alles besser war. Passend zum abschätzigen Beitrag ist ihm doch glatt seine ätzende Datasette vom C64 in die Hände gefallen. Sachen gibt´s.

Über Chris Pfeiler

on allen Retro-Schreibern bin ich wohl derjenige, der das Thema am Persönlichsten vertritt. Ich habe privat keinen digitalen Lifestyle im modernen Stil, also kein Handy, iKram oder aktuelle Rechner. Viele Leute finden das zum Haareraufen und würden mich gerne „missionieren“, ich finde aber, daß einem ein sog. veraltet-analoger Lebensstil viele Ideen und Perspektiven vermitteln kann.

2 Gedanken zu „„20 Jahre PC-Games“ – kann das gutgehen?

  1. Sehr schön. War ’ne tolle Zeit und wer drauf spuckt war nicht dabei ;) Wir werden eines Tages über die marionettenartig bewegten Schaufensterpuppen der heutigen Spiele lachen.

  2. Zu Quest for Glory: Du liegst richtig, Chris. Das Spiel erschien erst in EGA 1989, dann 1992 als VGA-Remake mit neu gezeichneten Grafiken.

    Zu Intel: Ich bezweifle, daß Intel da schnell nachgeschoben hat, zumindest wurden in der Zeitschrift, die ich las, mehr als ein Jahr lang regelmäßig ätzende Seitenhiebe auf den Bug gemacht. Noch harmlos waren die Witze wie „Wie viele Spieler hat die Intel-Werkself: 10,99997“.

    Zur PC Games: Ich kaufte sie damals eine Weile wegen der Cover-Disk. Ich fand sie damals schon Schrott, und ich habe in 20 Jahren nie ein Indiz bemerkt, daß sich daran was geändert hat.

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