{"id":31223,"date":"2019-04-29T09:00:29","date_gmt":"2019-04-29T07:00:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.retromagazine.eu\/retro\/?p=31223"},"modified":"2019-04-29T15:58:48","modified_gmt":"2019-04-29T13:58:48","slug":"heute-vor-25-jahren-commodore-geht-in-die-insolvenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.retromagazine.eu\/retro\/blog\/2019\/04\/29\/heute-vor-25-jahren-commodore-geht-in-die-insolvenz\/","title":{"rendered":"Heute vor 25 Jahren: Commodore geht in die Insolvenz"},"content":{"rendered":"<p>Es war das Ende einer \u00c4ra: heute vor 25 Jahren ging Commodore, der legend\u00e4re Computerhersteller, in die Insolvenz. Es war aber nicht nur das offizielle Ende einer Firma, es war auch das Ende intensiver Tr\u00e4ume zahlreicher Commodore-Anh\u00e4nger (mich eingeschlossen). Es war das Ende einer zum Schlu\u00df nur noch d\u00fcnnen, mehr illusorischen als realistischen Idee von einem (neuen) Aufbl\u00fchen eines &#8222;guten&#8220; Wettbewerbs der Computergiganten <em>inklusive Commodore<\/em>. Denn schlie\u00dflich war die Firma Produzent legend\u00e4rer Maschinen wie C64 und der Amiga-Reihe, weltweit bekannt f\u00fcr Innovationskraft, Qualit\u00e4t und Marktpr\u00e4gung. Und nun sollte alles vorbei sein?<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDas Ende war, wenn man ehrlich ist, seinerzeit bereits absehbar. Neue Rechner, neue Innovationen blieben aus, Commodore setzte verst\u00e4rkt (und mit wenig Erfolg) auf den &#8222;PC&#8220;-Markt (sprich: Windows-Maschinen) &#8211; und ich halte diese Ausrichtung auch heute noch f\u00fcr einen kapitalen Fehler. Eine Konzentration auf den Amiga w\u00e4re wohl kl\u00fcger gewesen, doch schon damals war schnell erkennbar: dieser Richtungsschwenk wird nicht erfolgen. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Commodore_International#Das_Ende\">Die Quittung daf\u00fcr kam auch recht zeitnah:<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Zuletzt \u00fcberlebten nur noch Commodore Deutschland und Commodore UK, beides profitable Unternehmen. Der deutsche Ableger wurde schlie\u00dflich durch die Muttergesellschaft mit in den Untergang gerissen, w\u00e4hrend das britische Unternehmen in letzter Minute versuchte, durch einen Aufkauf der Muttergesellschaft, und damit der Rechte am Amiga, das Ende zu verhindern. Die finanziellen Reserven von Commodore UK reichten daf\u00fcr allerdings nicht aus \u2013 sie wurden durch den zeitweise zweiterfolgreichsten deutschen PC-Hersteller ESCOM \u00fcberboten, der Commodore schlie\u00dflich f\u00fcr 14 Millionen US-Dollar aufkaufte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das war es dann also. Ja, Escom vermittelte zu Beginn noch mal Hoffnung, aber selbst wenn sie erfolgreich gewesen w\u00e4ren: es endete 1994 schlicht eine \u00c4ra mit der Pleite von Commodore. Was bei mir pers\u00f6nlich ca. 1986 mit dem C64 begann und viele tolle Jahre zur Folge hatte, endete nun sehr unr\u00fchmlich, sehr drastisch und f\u00fcr mich ganz pers\u00f6nlich mit einer einschneidenden Entscheidung: meine Schlu\u00dffolgerung aus dem Commodore-Desaster war, da\u00df ich werde mich nie mehr an einen Hersteller und sein System binden werde! <\/p>\n<p>Denn der gro\u00dfe, wahrscheinlich alles entscheidende Vorteil von Systemen wie Windows griff damals beim Amiga nicht: dieses war ein einzigartiges System, das Betriebssystem nicht breit an andere Hersteller lizensiert und deshalb mit der Pleite gleich komplett vom Untergang betroffen. H\u00e4tte Windows seinerzeit ohne Microsoft weiterleben k\u00f6nnen? Damals wie heute sage ich: ja, denn daf\u00fcr ist es einfach eine zu clevere Entscheidung gewesen, Betriebssystem und Hardware voneinander zu trennen. Dadurch entstand eine ungeheure Verbreitung und schlie\u00dflich eine entsprechende Marktmacht, so da\u00df Windows quasi &#8222;systemrelevant&#8220; wurde. Das System h\u00e4tte weitergelebt, unabh\u00e4ngig von seiner &#8222;Mutter&#8220;. So einen Vorteil bot der Amiga nicht, denn &#8222;Amiga&#8220; hie\u00df nichts anderes als: &#8222;Commodore oder gar nichts&#8220;. Und damit wurde mir im Fr\u00fchling 1994 endg\u00fcltig klar: hier gibt es ein Problem.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, wie wohl immer in solchen Situationen, klammert man sich zumindest zu Beginn des Schocks an einen Rettungshalm, sei er auch noch so d\u00fcnn. Dieser Rettungshalm hie\u00df seinerzeit Escom. Escom plante gro\u00df &#8211; und schaffte letztlich wenig, ebenso all die Nachfolger, die Commodore sein oder zumindest wiederbeleben wollten. Trauriges Zeugnis \u00fcber diesen Versuch legt der Wikipedia-Eintrag zu <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Amiga_Technologies\">Amiga Technologies<\/a> ab. All die Jahre vergingen und es geschah quasi nichts. Was nicht bedeutet, da\u00df die Amiga-Szene heute tot ist: die Commodore-Fanbase ist weiterhin sehr rege und extrem gro\u00df, gemessen an der enormen Zeitspanne seit dem Ende dieser Firma. Die Retrowelt lebt &#8211; Sie sehen es ja an dieser Website.<\/p>\n<p>Doch das ist freilich nur ein eher schwacher Trost. Denn was fehlt in der Tat, wenn der Mutterkonzern pleite ist? Richtig: die Quelle der Innovationen. Die Welt dreht sich weiter und Computer entwickelten sich damals wie heute rasant. Es dauerte immerhin f\u00fcnf Jahre, bis ich endg\u00fcltig den Amiga in die zweite Reihe stellen mu\u00dfte und Windows (im Rahmen meines Studiums) den Vorzug gab. Word, Internet, Videos &#8211; all das war auf dem Amiga nur mit gro\u00dfen M\u00fchen &#8222;sozialkompatibel&#8220; (d.h. au\u00dferhalb der Nerd-Welt) realisierbar. PCs boten dies, mit Windows, zum Spottpreis, mit ausreichend vielen Bastel- und Ersatzteilen. So kam ich &#8211; nach langer, aus heutiger Sicht fast schon absurd langer &#8211; Commodore-Treue &#8222;\u00fcber den Tod hinaus&#8220; letztlich doch zu Windows. Der Amiga wurde kurz danach verkauft, komplett mit allem Zubeh\u00f6r.<\/p>\n<p>Diese aus heutiger Sicht wirklich sehr erstaunliche Treue hatte nat\u00fcrlich Gr\u00fcnde: Die Commodore-Systeme waren von Beginn an ein Genu\u00df! Vom Amiga 500 in meinen &#8222;fr\u00fchen Jahren&#8220; \u00fcber einen Amiga 500plus und einen Amiga 600 bis zum Amiga 2000, den ich extrem hochz\u00fcchtete und \u00fcber f\u00fcnf Jahre nutzte &#8211; alles war stets eine Riesenfreude! Erst waren es die Spiele, dann die Programmierung und schlie\u00dflich die Anbindung ans Internet. 1992 war ich das erste Mal \u00fcber den Amiga eines Freundes online, so da\u00df es in der Folge nat\u00fcrlich ein eigenes Modem und ein eigener Telefonanschlu\u00df sein mu\u00dften. Beides kam 1993. <\/p>\n<p>All diese Dinge machten mir damals ausschlie\u00dflich auf dem Amiga wirklich Spa\u00df. Windows war dagegen eine Katastrophe: spielarm, \u00f6de, hardwareseitig teuer und unfassbar langweilig &#8211; f\u00fcr Teenager damals einfach ein B\u00fcrosystem f\u00fcr &#8222;alte Knacker&#8220;. Passend zum Ruf dieses Systems gab es ja dann auch das perfekte Symbol: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karl_Klammer_(Microsoft)\">Karl Klammer<\/a>. Kinder und Jugendliche hingegen wollten Amiga oder Atari. Zumindest in meinem Umfeld und bei allen Gleichaltrigen, die ich damals kennenlernte, durfte es nichts anderes sein. Okay, einige hatten noch Schneider-Systeme und ein ganz besonderer Freak arbeitete lange Jahre auf einem C128D. Aber das war es auch schon. Entweder Amiga oder Atari, dieses Motto stand. Die Maschinen waren Sehnsuchtssysteme. Ein Windows-PC hingegen war ein Werkzeug.<\/p>\n<p>Dabei kam ich, ganz nebenbei erw\u00e4hnt, nach dem C64 gar nicht automatisch zum Amiga. Ich schwankte in der Tat zwischen Amiga und Windows-PC, denn die b\u00fcrotechnische &#8222;Brauchbarkeit&#8220; des Windows-Systems war schon damals augenf\u00e4llig. Aber es gab halt weder ausreichend viele gute Spiele noch eine gewisse technische &#8222;Sexyness&#8220; noch eine tolle Szene. Letztere gab dann schlie\u00dflich auch den Ausschlag f\u00fcr den Amiga: viele meiner Freundinnen (!) und Freunde nutzten damals das System und es gab rund um die und mitten in der Szene Ereignisse, die uns faszinierten. Es wurden durchg\u00e4ngig tolle, sehr aktive f\u00fcnf (C64) bzw. acht (Amiga) Jahre mit den Maschinen von Commodore.<\/p>\n<p>Was bleibt? Nun, neben den tollen, einzigartigen und mit vielen guten Freundinnen und Freunden geteilten Erfahrungen und Emotionen bleibt mir Commodore mit C64 und Amiga tats\u00e4chlich als grandioser Hoffnungstr\u00e4ger in Erinnerung: die 90er waren f\u00fcr mich pers\u00f6nlich aus digitaler, aber auch weltpolitischer Sicht ein Jahrzehnt des Aufbruchs, des Vortriebs, der Freiheit. Diese damals schon mythischen Systeme f\u00fchrten uns emotionsgeladen und technisch auf Spitzenniveau in die Welt der digitalen M\u00f6glichkeiten, und das zu einem ganz besonderen Zeitpunkt. Heute sieht die Welt ganz anders aus. W\u00fcrde ich heute als Teenager ins digitale Leben starten, w\u00e4re das Ergebnis wohl ein ganz anderes. Es w\u00e4re nicht unbedingt schlechter, gar keine Frage. Aber es w\u00fcrde etwas Besonderes fehlen.<\/p>\n<p>Denn Systemtreue damaliger Qualit\u00e4t gibt es heute so nicht mehr &#8211; selbst f\u00fcr Firmen wie Apple f\u00fchrt niemand mehr ernsthaft einen &#8222;System War&#8220;. Commodore hingegen bot wohl l\u00e4nger als die anderen Firmen einen anderen, menschlicheren Eindruck und damit einen guten Grund zur Verteidigung seiner Systeme. Allein das Deathbed-Video von Dave Haynie bezeugte eindrucksvoll das Anderssein von Commodore. Damals, in den 70ern und 80ern, waren Computer (selbst f\u00fcr einige eher margenorientierte Manager) noch Herzensangelegenheiten, der Markt und die M\u00f6glichkeiten waren weit offen. Zumindest war das der damalige Eindruck &#8211; und damit genau richtig, zeitlich genau passend. Denn es war das, was ich &#8211; und viele andere Menschen, die einen Weg ins Erwachsenwerden finden mu\u00dften &#8211; brauchte, auch wenn in den 90ern der Weg Richtung Massenproduktion geebnet wurde und vieles marktf\u00f6rmiger und business-orientierter wurde. Mag sein, da\u00df Apple-Computer \u00e4hnlich engagiert entwickelt und verkauft worden sind, doch sie boten nicht dasselbe Feeling wie Commodore. Mag sein, da\u00df Microsoft auch mit viel Herzblut startete, doch auch hier fehlte dieses ganz besondere Feeling. Die Rechner, die Szene, die Erlebnisse &#8211; Commodore war f\u00fcr mich, mit C64, C128 und Amiga, schlicht ganzheitlich einzigartig.<\/p>\n<p>1999 beendete ich die aktive Commodore-Zeit, 13 Jahre nach dem &#8222;Erstkontakt&#8220; mit einem C64. 2003 kam ich zur RETRO. Das Gef\u00fchl eines Mangels war einfach zu gro\u00df. F\u00fcr solche Emotionen, f\u00fcr einfach alles, was Commodore Positives bewirkt hat, werde ich den Menschen hinter dieser tollen Firma f\u00fcr immer dankbar sein!<\/p>\n<p><em>Text erweitert und \u00fcberarbeitet am 29.4., 15.57 Uhr<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war das Ende einer \u00c4ra: heute vor 25 Jahren ging Commodore, der legend\u00e4re Computerhersteller, in die Insolvenz. Es war aber nicht nur das offizielle Ende einer Firma, es war auch das Ende intensiver Tr\u00e4ume zahlreicher Commodore-Anh\u00e4nger (mich eingeschlossen). 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