{"id":9403,"date":"2012-07-05T07:58:47","date_gmt":"2012-07-05T05:58:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.retromagazine.eu\/retro\/?p=9403"},"modified":"2012-07-05T09:51:50","modified_gmt":"2012-07-05T07:51:50","slug":"gratis-kapitel-aus-endboss-extraleben-teil-iii-das-lisa-prinzip","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.retromagazine.eu\/retro\/blog\/2012\/07\/05\/gratis-kapitel-aus-endboss-extraleben-teil-iii-das-lisa-prinzip\/","title":{"rendered":"Gratis-Kapitel aus Endboss (Extraleben Teil III): Das Lisa-Prinzip"},"content":{"rendered":"<p>Im Altenheim gibts ja angeblich spezielle Zimmer f\u00fcr Demenzkranke, die genauso eingerichtet werden, wie die Oldies das in ihrer Jugend gut fanden, also mit Nierentisch und Peter-Kraus-Poster an der Wand et cetera. Wenn man die Alten da reinsetzt, werden sie angeblich ganz ruhig und happy, weil sie sich wieder zuhause f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Wir haben uns auch so ein Demenzzimmer eingerichtet, nur bei uns hei\u00dft es B\u00fcro.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Idee kam nat\u00fcrlich vom Beifahrer, und auch wenn er es hartn\u00e4ckig abstreitet, ist seine Tochter an allem schuld. Denn ungef\u00e4hr ein Monat, nachdem sie geboren wurde und der liebe Papi sich n\u00e4chtelang mit vollgeschissenen Windeln besch\u00e4ftigen musste, fing er pl\u00f6tzlich an, davon zu faseln, dass man als seri\u00f6ser \u201eWissensarbeiter\u201c doch \u201efeste Strukturen\u201c br\u00e4uchte und diese Arbeit im \u201eHome Office\u201c nicht so der wahre Jakob sei. \u00dcbersetzt bedeutete das, frei nach Purple Schulz: Ich. Will. Hier. Raus.<\/p>\n<p>Die Idee war nat\u00fcrlich erst mal gut und verlangte nach einem gro\u00dfen Plan. Wenn wir uns schon einen Panic Room einrichten w\u00fcrden, dann aber auch richtig, das war klar. \u201eWir gehen nach dem Lisa-Prinzip vor\u201c, hatte Nick sofort als Devise ausgegeben. Auf seine verschwurbelt-unverst\u00e4ndliche Art wollte er damit sagen, dass in unserem kleinen Nerd-Paradies die Zeitrechnung 1995 enden sollte. Kein Rechner in unserem B\u00fcro durfte j\u00fcngeren Jahrgangs sein, forderte der Yesterday-Man. <\/p>\n<p>Lisa-Prinzip deshalb, weil man beim Apple Lisa ja auch kein Datum einstellen konnte, das jenseits von 1995 liegt, also in der damals unvorstellbar weit entfernten Zukunft. Eine sp\u00e4tere Jahreszahl akzeptierte die Kiste einfach nicht, weil die Programmierer nur vier Bit f\u00fcr den Z\u00e4hler reserviert hatten. Deshalb sprang nach Silvester 1995 die Zeit wieder auf 1980 um. Eigentlich eine coole Idee f\u00fcr noch so einen Murmeltiertagfilm, \u201eLisa, der helle Wahnsinn II\u201c oder was wei\u00df ich. Meinen Einwand, ob es nicht ein bisschen gestrig sei, nur Elektroschrott ins B\u00fcro zu stellen, wollte er nat\u00fcrlich nicht gelten lassen.<\/p>\n<p>\u201eWenn du willst, dass etwas vern\u00fcnftig funktioniert, musst du in der Vergangenheit leben.\u201c Das waren seine Worte. <\/p>\n<p>So hundertprozentig konnten wir das Lisa-Prinzip am Schluss nat\u00fcrlich nicht durchhalten, das schien dem Beifahrer aber auch egal zu sein. Es ging im Grunde genommen nur darum, ein Arbeitszimmer von der Steuer absetzen zu k\u00f6nnen \u2013 und Steuertricksen ist sein Lieblingssport, seit wir bei der Datacorp arbeiten und nicht mehr bestreiten, \u201eErwachsene\u201c zu sein.<\/p>\n<p>Seufzend schlie\u00dft Nick die schwere, knallblau gestrichene Stahlt\u00fcr auf.<\/p>\n<p>\u201eAh, home, sweet home.\u201c <\/p>\n<p>Aufgeschlagen hat er unser pers\u00f6nliches Fl\u00fcchtlingslager schlie\u00dflich um die Ecke im Gewerbegebiet, im ausrangierten Lagerraum einer ziemlich dubiosen Schwimmbadfirma. Da hat er die letzten Monate fast nonstop rumgehangen, was man allein daran merken kann, wie zielsicher er im Dunkeln mit dem Fu\u00df die Steckerleiste trifft, an der das ganze Stromnetz h\u00e4ngt.<\/p>\n<p>\u201ePower up\u201c, fl\u00fcstert Nick. <\/p>\n<p>Junge, er hat es sich wirklich gem\u00fctlich gemacht, da merkt man echt den erfahrenen H\u00e4uslebauer. Oder H\u00f6hlenmenschen. An der Decke baumelt eine einsame 20-Watt-Birne, die gerade mal ausreicht, um den Tapeziertisch, der in der Mitte des Kabuffs aufgestellt ist, auszuleuchten. Der Rest des Lochs verschwindet in braunem Zwielicht. <\/p>\n<p>Von seinen gesammelten IT-Sch\u00e4tzen, die er in Zehn-Euro-Baumarktregalen eingelagert hat, lassen sich nur geheimnisvolle Umrisse erahnen. Es ist ein Brei aus beigefarbenem Plastik, Netzteilen und Kabeln. Zu den wenigen Sachen, die man sofort erkennt, geh\u00f6rt ein Stapel 1541-Laufwerke f\u00fcr den Commodore 64. Im Fach daneben parkt unser geliebter GRiD Compass aus dem Nachlass von Charles Irving \u2013 Gott hab ihn selig. Wir haben letztens rausgefunden, dass der \u00dcber-Nerd vom \u201eTrio mit vier F\u00e4usten\u201c auch so einen benutzt hat. Ganz oben unter der Decke, quasi als Kr\u00f6nung des Ganzen, lagert Nicks obskurer Laptop-Schrott aus Japan, von weltbekannten Firmen wie Ampere Inc.<\/p>\n<p>Der liebe Papi hat wirklich alle seine Juwelen hergeschafft, die er zuhause auf Befehl von Sabina im Keller verstecken musste. Und so riecht es auch \u2013 nach diesem Wasserschaden-Muff, der auch \u00fcber B\u00f6rsen f\u00fcr klassische Computer h\u00e4ngt. <\/p>\n<p>Mit einem schweren Krachen f\u00e4llt die T\u00fcr ins Schloss. Auf ihrer Innenseite hat der Beifahrer das \u201eAladdin Sane\u201c-Poster mit Bowie aus seinem alten Jugendzimmer angebracht. Wenn schon retro, dann richtig. Ich kann quasi noch h\u00f6ren, wie ihn seine Mutter zum Essen ruft.<\/p>\n<p>Nick wischt mit dem \u00c4rmel seiner Multifunktions-Jacke kurz \u00fcber den Tapeziertisch, schiebt ein paar unvermeidliche Arduino-Platinen zur Seite und macht mit der Hand eine Platzanweiserbewegung zu mir r\u00fcber.<\/p>\n<p>Ich stelle die T\u00fcte mit dem Tape ab und rolle sie vorsichtig aus. Was ist, wenn von dem Blut auch was an die T\u00fcte gekommen ist? Mal kurz die H\u00e4nde checken. Nein, Gott sei Dank keine rostrote Schmiere drauf. Ich taste mich zur Kassette in der T\u00fcte vor und ziehe sie raus. Sie liegt \u00fcberraschend schwer in der Hand, wie ein solides Industrie-Produkt, viel massiver als die klapprigen Musikkassetten, auf denen wir unsere ersten Spiele f\u00fcr den Cevi gespeichert hatten. Mein Gott, wie bierernst wurde diese Diskussion auf dem Schulhof gef\u00fchrt: Ist jetzt Chrom besser oder Normalkassette?<\/p>\n<p>Nick klappt routiniert den vorderen Rand der Kassettenh\u00fclle hoch, holt das Tape raus und r\u00fcckt es im rechten Winkel zur Tischkante zurecht. Es ist ungef\u00e4hr so gro\u00df wie zwei Kompaktkassetten hintereinandergelegt. Jetzt kann man auch erkennen, warum es so schwer ist: Die Unterseite besteht aus einer dicken Metallplatte, auf der zwei Bandspulen befestigt sind. Sie sehen genauso aus wie bei den Bandmaschinen, die fr\u00fcher in Tonstudios standen. Gab es nicht auch mal Kompaktkassetten, die als Gag solche Spulen hatten? Doch, auf so eine hatte mir Nick die Maxi von \u201eAxel F.\u201c aufgenommen.<\/p>\n<p>Vorne schl\u00e4ngelt sich das Band an einem kleinen Plastikfensterchen vorbei. Nick hebt die Klappe kurz an, um sie mit einem lauten Klacken gleich wieder zuschnappen zu lassen. Die Bewegung soll sagen: \u00dcber die Details brauchen wir kein Wort zu verlieren, oder? <\/p>\n<p>Vor uns liegt eine Quarter-Inch-Cartridge, eine Speicherkassette, mit der die Firmen in den Siebzigern und fr\u00fchen Achtzigern ihre fetten Back-ups gemacht haben \u2013 oder besser gesagt: ihre f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse fetten Back-ups. Denn die 90 Meter Band in der massiven Kassette reichen gerade mal, um l\u00e4cherliche 204 Kilobyte zu speichern. Jedes Bildchen im Netz von Cheerleadern, die unter Alkoholeinfluss lesbische Experimente starten, braucht heute mehr Platz.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich sieht das Tape brauchbar aus.<\/p>\n<p>\u201eIst okay, oder?\u201c, taste ich mich vor.<\/p>\n<p>Doch Nick runzelt die Stirn. Mit einer derart oberfl\u00e4chlichen Analyse kann sich der Fast-Informatiker nat\u00fcrlich nicht zufrieden geben, zumal er mir dann h\u00e4tte recht geben m\u00fcssen, was er aus Prinzip nicht tut. <\/p>\n<p>\u201eWei\u00df nicht.\u201c <\/p>\n<p>Nick zieht eine Lupe mit eingebauter Neonr\u00f6hre r\u00fcber, die am Rand des Tischs klemmt, und knipst sie an. Im blassen Licht dreht er die Cartridge vorsichtig hin und her, so, als w\u00fcrde er eine Leiche nach subtilen Hinweisen auf die wahre Todesursache absuchen. Wie immer, wenn er sich viel Zeit f\u00fcr eine Nebens\u00e4chlichkeit l\u00e4sst, gibt es eine einfache Erkl\u00e4rung daf\u00fcr: Er spielt insgeheim eine Filmszene nach. Nur welche? \u201eCSI\u201c vielleicht, oder \u201eQuincy\u201c? Nein \u2026 Genau! Er seziert die Cartridge genauso wie Ash den Face-Hugger in \u201eAlien\u201c. Als Eingeweide f\u00fcr den au\u00dferirdischen Krabbler hatten die Special-Effects-Typen ja nur rohe Austern und Reste vom Fischmarkt verwendet, trotzdem ein cooler Effekt. <\/p>\n<p>Zieht er das ganze Theater wirklich nur durch, um das Autopsie-Klischee voll auszukosten? Nein, daf\u00fcr nimmt er sich zu viel Zeit, es muss noch ein dickes Ende kommen \u2026  <\/p>\n<p>\u201eGuck mal, am Umlenkbolzen!\u201c, verk\u00fcndet Nick stolz. Und da ist es schon, das dicke Ende. <\/p>\n<p>Er ber\u00fchrt mit dem Finger einen der silbernen Stifte, um die sich das Band in der Kassette herumschl\u00e4ngelt. Und wirklich: Da klebt ein bisschen dunkelgelbe Schmiere, die wie Honig aussieht. Nick schaut mich an. Als Audio-Nerd a. D. wei\u00df ich nat\u00fcrlich, wie die Diagnose lauten muss: Leimspuren.<\/p>\n<p>Mit dem Problem hatten wir schon ein paar Mal zu tun. Wenn so ein olles Magnetband aus den Siebzigern n\u00e4mlich feucht wird, kann es sein, dass die Schicht kaputtgeht, mit der die Oxydpartikel an das eigentliche Band geklebt sind. Irgendwann kleckert der Kleber dann raus, sammelt sich an den Spulen, bis das Band sich nicht mehr bewegt oder beim Abspielen rei\u00dft. <\/p>\n<p>Es ist Zeit f\u00fcr mich, das Offensichtliche vorzuschlagen. <\/p>\n<p>\u201eD\u00f6rte?\u201c<\/p>\n<p>Der Beifahrer dreht nochmal vorsichtig an der Spule und nickt. <\/p>\n<p>\u201eEin Fall f\u00fcr D\u00f6rte.\u201c<\/p>\n<p>Diesen wahnsinnig originellen Namen haben wir unserer treuen Schweizer D\u00f6rrmaschine gegeben. Mit der lassen sich solche B\u00e4nder n\u00e4mlich retten, der Trick hei\u00dft in Tonstudios Baking: einfach das Tape ein bis zwei Stunden bei 50 Grad in so ein D\u00f6rrger\u00e4t werfen, mit dem man sonst Zeugs wie getrocknete Bananenchips macht \u2013 und schon schnurrt das Band wieder locker durch, zumindest ein Mal. Zum Datenauslesen reicht das normalerweise.  <\/p>\n<p>Aus: <a href=\"https:\/\/www.csw-verlag.com\/Buecher\/Belletristik\/Endboss-Extraleben-Teil-III.html\">\u201eEndboss\u201c (Extraleben Teil III)<\/a> &#8211; <a href=\"https:\/\/www.csw-verlag.com\/Buecher\/Belletristik\/Endboss-Extraleben-Teil-III.html\">hier und jetzt bestellen!<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Altenheim gibts ja angeblich spezielle Zimmer f\u00fcr Demenzkranke, die genauso eingerichtet werden, wie die Oldies das in ihrer Jugend gut fanden, also mit Nierentisch und Peter-Kraus-Poster an der Wand et cetera. Wenn man die Alten da reinsetzt, werden sie angeblich ganz ruhig und happy, weil sie sich wieder zuhause f\u00fchlen. 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